Willkommen in der Welt des Schreibens!

Ich schreibe, also bin ich.

Seit vielen, vielen Jahren schreiben wir Tagebuch, und es ist unsere Art, über Dinge nachzudenken. Wir lesen auch gerne in den alten Tagebüchern und staune, wie sehr sich Situationen und Einstellungen ändern.

Dann haben wir begonnen, Gedichte zu schreiben, einfache oder auch kompliziertere, mit einer strengen Form oder ohne vorgegebenen Stil. Auch dabei haben wir bemerkt, wie wir uns ausdrücken können.

Und ein Buch geschrieben haben wir auch. Zwei sogar. Okay, es ist immer noch unveröffentlicht, weil es noch nicht ganz fertig ist, aber das Schreiben hat us ausserordentlichen Spaß gemacht und hat uns wieder eine neue Welt eröffnet.

Alles das wollen wir mit Ihnen teilen. Wir – Katharina Sereinig und Maria Kubin – bieten Ihnen unsere langjährige Erfahrung und unser Wissen aus Büchern, Seminaren und Workshops an, um Ihnen zu helfen, mehr über sich zu erfahren und sich besser kennenzulernen.

Wir bieten Einzelberatung oder Schreibgruppen an, in denen Sie auf unterschiedlichste Arten probieren, was Ihnen liegt und wie Sie zu Ihrer Kreativität kommen. Mithilfe von einer Vielzahl von Übungen helfen wir Ihnen, sich selbst auf die Spur und zu einer guten Geschichte zu kommen. Das ist kein Deutsch- oder Literaturkurs sondern die Möglichkeit, gut in sich zu hören und Neues über sich zu erfahren.

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aus „Mein Leben für die Kunst“

All die Jahre im Orchester hatten mir Spaß gemacht, aber dann kam die Zeit der Familie. Herbert und ich beschlossen, Kinder zu bekommen. Wir kauften ein altes Bauernhaus im Umfeld der Stadt, das war eine gute Gegend für Kinder. Wir wohnten am Rand eines Waldes, neben Maisfeldern, viel Natur, es war ein schöner Platz. Wir ließen das Haus renovieren, und schon bald kam Lukas, unser Ältester. Er war unser ganzer Stolz.

aus „Anwälte leben gefährlich“

Als Ilse sein Büro betrat, drückte er den Knopf der Sprechanlage: „Frau Schnittiger, bitte sorgen Sie dafür, dass ich für die nächsten 15 Minuten ungestört bin.“ Dann wandte er sich Ilse zu, die bereits begonnen hatte, an seinem Gewand zu nesteln.

14 Minuten später knöpfte er sein Hemd zu und verzog die Augenbrauen verärgert als Ilse wieder von einem gemeinsamen Wochenende zu reden anfing. „An den Wochenenden bin ich zuhause, diese Zeit gehört der Familie,“ sagte er, kurz angebunden. „Ich will aber nicht nur dein Dienstagsnachmittagsmädchen sein. Ich habe auch Bedürfnisse. Ich will wieder einmal einen Abend mit dir verbringen, und eine Nacht, wie früher.“ Er schüttelte nur den Kopf: „Birgit würde draufkommen, sie ist eh schon skeptisch. Das geht gerade einfach nicht.“ „Liebst du mich überhaupt noch? Du behandelst mich wie ein Taschentuch, das du benutzt und dann wegschmeißt.“ Er setzte sich an den Schreibtisch und schlug mit der Hand auf den Tisch. „Einem Taschentuch kaufe ich aber keine Perlenohrringe. Ich glaube nicht, dass du dich beklagen kannst.“ Etwas sanfter: „Natürlich liebe ich dich noch, Hase, und ich würde auch liebend gerne mehr Zeit mit dir zusammen sein. Es geht halt jetzt nicht. Nicht, solange Birgit so misstrauisch ist.“

Ilse stand hinter ihm und schaute aus dem Fenster. Es regnete, wie schon seit Tagen. Und die Vorhersage für die Zukunft war auch nicht besser. Es würde sich nichts ändern. Besser, sie zog sich warm an.

aus „Dreifach unmöglich“

Katrin fing an: „Heute ist Maria Lichtmess, ein Fest, an dem ich auf das vor mir liegende Jahr schaue und darüber nachdenke, was ich mir dafür vornehme. Kennen Sie diese Tradition? Sie stammt aus der Zeit, in der auf den Bauernhöfen das neue Erntejahr vorbereitet wurde.“

Martin nickte. „Und es freut mich, dass Sie sie auch kennen.“

Katrin schlug die Beine übereinander und strich mit der Hand über den weichen Pullover, den sie trug. Sie wiegte den Kopf: „Ich hatte eine erzkatholische Kindheit, und es macht mir manchmal selbst Angst, mit welcher Penetranz dieses Wissen in mir haftet. Es gibt immer noch Daten, bei denen ich wie automatisch an das kirchliche Fest denke.“

Martin war verblüfft: „Das tun Sie?“

Katrin schüttelte ungläubig den Kopf: „Ja: Maria Lichtmess, einige Heiligenfeste, Kreuzerhöhung, Erzengel am 29. September, lauter so Zeug.“

Martin hatte es anders erlebt: „Da ich ohne Bekenntnis aufgewachsen bin, hat es bei mir lange gedauert, bis ich das alles gelernt habe. Ich werde nie wissen, ob ich ein besserer Christ wäre, wenn ich eine religiöse Kindheit gehabt hätte.“

Katrin wand ein: „Oder ein schlechterer? Vielleicht habe ich mit der Kirche auch deshalb Probleme, weil ich unter ihrer Enge gelitten habe. Heute, als Erwachsene hätte ich sicher andere Möglichkeiten, mit dieser Engstirnigkeit umzugehen, damals war ich ihr ausgeliefert. Vielleicht war Ihrer der bessere, weniger schmerzhafte Zugang.“

Martin war berührt von ihrer Offenheit: „Ich habe immer gedacht, Psychologen reden niemals von sich selbst, aber Sie sind ganz anders!“

Ja, ich weiß, viele KollegInnen tun das nicht. Aber ich bin der Ansicht, dass es unseren KlientInnen gut tut, wenn sie uns als normale Menschen mit Vorlieben und Schwächen sehen statt als Supermodel. Wie geht es Ihnen damit? Ist das für Sie schwer auszuhalten?“

Martin schüttelte energisch den Kopf: „Nein, im Gegenteil! Sie werden mehr zu einem Gegenüber, vor dem ich mich nicht schämen muss. Und ich denke darüber nach, wie es wohl meinen Pfarrangehörigen mit mir geht. Wenn ich mir die Frage erlauben darf: Haben Sie nicht die Erfahrung gemacht, dass Menschen an der Therapie zweifeln, wenn sie sehen, dass es der Therapeutin selbst nicht gut geht?“

Katrin sah ihn eine Weile an: „Nun, ich breche nicht in Tränen aus, das wäre therapeutisch nicht sinnvoll, denn es würde die Aufmerksamkeit von Ihnen auf mich ziehen. Aber ob ich an Glaubwürdigkeit verliere können Sie wahrscheinlich besser beurteilen als ich. Nehmen Sie mich weniger ernst, weil Sie das von mir wissen?“

Martin schwieg lange. Er sah gut aus in seiner braunen Hose, die gut zu dem beigen Hemd und der dunklen Weste passte, die er während des Nachdenkens enger um sich zog. „Beeindruckend, sehr beeindruckend! Sie müssen sehr mutig sein. Das bin ich nicht.“

Katrin drehte die Hände nach außen. „Was könnte passieren?“

Wenn ich zugebe, dass es mir nicht gut geht? Glauben Sie, dass noch jemand an Gott glaubt, wenn nicht einmal ich als Priester es schaffe?“

Nun, Sie könnten es ja dosieren. Wahrscheinlich wäre es taktisch unklug, bei einem Hochamt mit Bischof von der Kanzel zu verkünden, dass das alles totaler Schwachsinn ist.“ Sie lachte auf: „Wenn ich persönlich das auch gerne miterleben würde. Ich gebe zu, es wäre sogar meine Lieblingsoption!“

Martin stimmte ihr lachend zu. „Dann hätte der Bischof wenigstens einen handfesten Grund für seine Skepsis mir gegenüber!“

Sie wurde wieder ernst: „Und Sie haben selbst gesagt, dass es mir und meiner Glaubwürdigkeit nicht schadet, wenn Sie das von mir wissen. Muss es bei Ihnen anders sein?“

Martin zögerte, sagte aber dann doch: „Bei mir geht es um etwas Wichtigeres, um Gott. Das Seelenheil der mir Anvertrauten sollte ich nicht aufs Spiel setzen.“

Katrin schluckte die provokante Äußerung, die ihr auf der Zunge lag, hinunter und erwiderte stattdessen: „Ich mag den Satz: Es kommt auf mich an, aber es hängt nicht von mir ab. Das zeigt, dass ich mich zwar bemühen muss, aber dass die Welt nicht stehenbleibt, wenn ich versage. Könnte Ihnen das helfen?“

Er senkte den Kopf: „Ich bin sowieso ein unwürdiges Werkzeug in Gottes Hand und seinem ewigen Plan.“

Katrin seufzte: „Es geht mir nicht gut, wenn Sie so etwas sagen. Wenn Sie das ehrlich meinen, macht es mich traurig, und wenn es ein eingelernter Stehsatz ist, dann kommt in mir Widerstand auf.“

Martin nickte, antwortete aber darauf nichts. Seine Blicke wanderten zum großen Blumentopf, in dem ein riesiger Ficus Benjamini wuchs. Der Topf war sehr kreativ dekoriert, es gab mosaikartige Fliesenstückchen, dazwischen Spiegelteile. Katrin hatte ihn selbst gestaltet.

aus „Gefangen“

„Ich werde dich besuchen sobald ich kann,“ sagte er erneut. Seine Tochter schaute ihn durch das Skypeprogramm skeptisch an. „Das sagst du schon seit Monaten. Und dann kommst du doch nicht.“ Stefan nickte, er wusste, dass sie recht hatte. „Ich hab so viel zu tun, es geht sich gerade gar nicht gut aus. Aber bald bin ich mit diesem Projekt fertig, dann werde ich mehr Zeit haben.“ Sandra war traurig, das konnte er sehen. Sie lebte seit langem mit ihrer Mutter alleine, seit sie sich getrennt hatten waren schon fast zwei Jahre vergangen. Er hatte sie in der Zwischenzeit selten gesehen. „Du hast ja bald Geburtstag, vielleicht geht es sich dann aus.“ Es waren noch zwei Monate bis zu ihrem 7. Geburtstag, das war noch Zeit. Er wollte es wirklich schaffen, diesmal wollte er es richtig machen. Er würde hart an sich arbeiten, dann würde es schon gehen. „Ich hab dich lieb, Papa“, sagte sie zum Abschied. „Ich dich auch, mein Schatz!“ Er beendete das Gespräch, wie immer mit großem Unbehagen. Er hasste es, sie so traurig zu sehen, und dass er der Grund dafür war machte es noch schwerer. Stefan schaute zum Fenster. Es war doch nicht möglich, dass er nicht schaffen konnte, was alle konnten, was auch für ihn früher kein Problem gewesen war. Morgen würde er damit anfangen, gleich in der Früh.

Er erwachte wie immer wie erschlagen. Seine Augen waren müde, er musste sich durch viele Schichten durchkämpfen bis er an der Oberfläche war. Es war schon nach 10 Uhr, er hatte wieder zu lange geschlafen. Er hatte den Wecker gehört, er war sogar aufgestanden und hatte ihn abgedreht, aber er war sofort wieder ins Bett gefallen, und er hatte keine Erinnerung daran. So war es in der letzten Zeit immer. Er versuchte so hart, früher aufzustehen, aber es war ihm einfach nicht möglich. Er setzte sich auf und taumelte ins Badezimmer. Unter der Dusche versuchte er, zu sich zu finden und so wach zu werden, dass er bereit für den Tag war. Er trocknete sich ab und zog sich an. Dann ging er in die Küche, um die Kaffeemaschine anzuschalten. Er brauchte so lange für alles in der Früh, so ewig lange! Fast zwei Stunden nach dem Aufwachen war er mit dem Frühstück fertig. Er räumte alles weg, warf die Zeitung in den Müll und setzte sich ins Wohnzimmer. Er würde heute aus dem Haus gehen, das konnte doch nicht so schwer sein. Er saß eine Stunde und dachte darüber nach, wie er es angehen sollte. Er würde sich anziehen, dann die Türe öffnen und auf den Gang gehen. Die Türe hinter sich zumachen und abschließen. Überprüfen, ob sie wirklich zu war. Einmal. Dann zum Lift gehen, oder besser doch die Stiegen hinunter. Im Lift waren Kritzeleien, er war sicher, dass ihn jemand damit fertigmachen wollte. Und es war eh zu heiß im Lift. Also besser die Stiegen. Drei Stockwerke. Ein Schritt nach dem anderen, er wusste, das würde er schaffen. Unten durch die Haustüre gehen. Nach rechts. Oder links? Er wollte nur zum Geschäft zwei Strassen weiter, sich etwas zu essen kaufen. Doch besser rechts, das war sicherer. Weiter konnte er nicht denken, der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Nur beim Gedanken dran. Er erinnerte sich, was er gelesen hatte im Internet: entspannen Sie sich, atmen Sie durch und machen Sie den nächsten Schritt. Er stand auf und ging ins Vorzimmer. Zog Jacke und Schuhe an. Ging zurück ins Wohnzimmer, um noch einmal alles in Ruhe durchzudenken. Es verging wieder eine Stunde, er konnte sich immer noch nicht aufraffen. Er ging mehrmals ins Vorzimmer, bis zur Türe und drehte wieder um. ER musste sich entspannen. Er schaltete den Fernseher an. Als er hungrig wurde, holte er sich etwas aus der Küche. Morgen würde Regina wiederkommen, sie würde Essen mitbringen.

Slitus, der Stachelrüssler

Slitus war für ein Tier seiner Größe ungewöhnlich ängstlich. Jeder weiß, dass Stachelrüssler im Grunde genommen keine wirklichen Feinde haben – die Stacheln und ihre natürliche Größe wirken abschreckend genug. Das war für Slitus kein Argument. Er fürchtete sich vor allem – lauten Geräuschen, schnellen Bewegungen, ungewohnte Orten. Diese Angst hatte ihn von seiner Herde getrennt, sie konnten nicht auf das ängstliche Tier warten. Slitus lebte allein, in einer Ecke des Urwaldes, die ihm vertraut war. Er bewegte sich vorsichtig, schaute um jeden Baum und aß nur Dinge, die er kannte. es war ein einsames Leben, denn Stachelrüssler sind bekanntlich Herdentiere. Aber da Slitus sich auch vor vielen Tieren fürchtete war das seine einzige Chance.

Eines Tages aber traf er Sambala. Sambala war ein junges Schweinebärmädchen, und damit kleiner und schwächer als Slitus. Er traf sie, als sie gerade dabei war, sich unter einem Baum einen Schlafplatz zu richten. Slitus stolperte beinahe über Sambala – und sie fing an, laut zu lachen. Sie lachte so herzzerreißend, dass Slitus nicht anders konnte als in ihr Gelächter miteinzustimmen. Sambala fand immer etwas lustig, und so lachten sie viel. Slitus, der anfangs davon irritiert war, erkannte mit der Zeit, dass diese Heiterkeit seine Angst vertrieb.

Eines Tages lagen sie an einer Wasserstelle und rasteten nach dem langen Marsch des Tages. Sambala erzählte eine Geschichte und Slitus hörte mit halbem Ohr zu. Seine Aufmerksamkeit wurde geweckt durch ein Geräusch, das aus dem Wald kam: ein Rauschen, ein Knacksen, es schien sich ein großes Tier zu nähern. Er wollte gerade aufstehen und sich davonschleichen als er erkannte, dass Sambala in Gefahr war. Sie lag mit dem Rücken zum Wald und hörte das nahende Tier nicht. Slitus konnte sich unmöglich einfach davonstehlen, aber wenn er Sambala warnte, würde das Tier ihn hören und dann würde es um ihn geschehen sein.

aus „Die Unbeugsame“

Die Wohnung der Eltern hatte Daniel als recht düster empfunden, schwere Vorhänge, reich gemusterte Tapeten, altdeutsche Möbel. Großmutters Zimmer war hell ausgemalt und bescheiden eingerichtet. Und immer hatte es nach Milchkaffee gerochen und nach einer Salbe, die sie für ihre schmerzenden Gelenke brauchte.

Daniel stand in diesem Zimmer, halb trauerte er um die Großmutter, halb freute er sich über die Wohnung, die ab jetzt die seine war. Er stieg auf die Leiter, um die Glühbirnen auszutauschen. Eine LED-Lampe in der Hand stand er auf der obersten Sprosse, als Edith ihn rief: „Hilf mir mal schnell!“ Er war dabei, „Gleich“ zu rufen als er an dem Krach und Klirren hörte, dass es anscheinend zu spät dafür war. Er kam ins Schlafzimmer und sah, dass ihr das Glas vom Tablett gerutscht und auf den Boden gefallen war. Sie lag bleich im Bett und entschuldigte sich. „Lass nur, du kannst nichts dafür. Ich hebe es auf.“ MS war eine schreckliche Krankheit. Dieser Schub dauerte schon einige Wochen, es war anstrengend und nervenzehrend. Er war mit Edith beim Arzt gewesen, sie nahm die doppelte Dosis, trotzdem ging es ihr so schlecht. Nicht nur körperlich, auch psychisch. Das war schlimmer als gewöhnlich. Er räumte auf und setzte sich zu ihr ans Bett. „Magst du heute ein bisschen hinaus? Lass uns im Auto ein bisschen herumfahren, es ist so schön. Wir könnten irgendwo in der Sonne sitzen und Kaffee trinken.“ Edith nickte, wenig begeistert.

Sie fuhren über die Hügel, es war ein schöner Tag. Der Herbst neigte sich dem Ende zu, aber die Sonne hatte es durch den Morgennebel geschafft und sie schien auf eine Landschaft, die den Winter erwartete. Edith schwieg, Daniel versuchte, das Gespräch am Laufen zu halten. „Was hast du von deinen Eltern gehört, wollen sie zu Weihnachten zu uns kommen?“ Edith schüttelte den Kopf. „Sie sind mit den Pflegekindern beschäftigt. Melitta macht schon wieder Schwierigkeiten. Da wollen sie so wenig Unruhe wie möglich.“ Sie bogen in eine kleine Landstrasse ein, die durch einen kleinen Wald führte. Daniel kannte die Gegend nicht, und so fuhr er vorsichtig. Trotzdem sah er das Loch nicht, und ein lauter Knacks beendete ihre Gespräch schlagartig. Anscheinend war die Achse gebrochen. Daniel fluchte leise, Netz hatte er auch keines. Das würde eine lange Wanderung werden, die er Edith nicht zutrauen konnte.

aus „Italienische Piazza“

Da kam er schon wieder! Jedes Mal, wie ein Uhrwerk, von links nach rechts. Was machte dieser Mann wohl? Alle halben Stunden überschritt er die Piazza, immer genau die gleiche Strecke. Marie wurde neugierig, sie fasste sich ein Herz und sprach ihn an. „Entschuldige, verstehe nicht,“ sagte er knapp und ging weiter. Marie beschloss, ihm unauffällig zu folgen. Er bog hinter dem Dom in eine schmale Gasse ein, wendete einige Male nach rechts und links, ging in einen Bogendurchgang und stand vor einem Haus. Es war düster und verfallen. Der Mann klopfte zweimal, die Tür ging einen Spalt breit auf und eine Hand reichte ihm einen Umschlag. Er drehte um und ging in die andere Richtung davon. Marie folgte ihm mit Herzklopfen. War sie einer düsteren Sache auf die Spur gekommen? Der Mann ging anscheinend zum Bahnhof. Er blieb nie stehen oder drehte sich um. Sein Schritt war unsicher, als ob er nicht ganz gesund wäre. Marie überlegte, ob sie Georg anrufen sollte, wie versprochen. Aber der würde sie sicher nur zur Vorsicht mahnen, und das konnte sie im Moment nicht brauchen. Sie musste etwas wagen, sonst würde die Sache nie weitergehen, sonst würde sie das Geld nie auftreiben und Georg würde ins Gefängnis müssen. Nicht auszuhalten, dieser Gedanke. Ihr Sohn, so jung noch, im Gefängnis. Nein, sie war bereit, alles zu tun, damit es dazu nicht kommen würde.

Der Mann wurde langsamer. Er blieb auf dem Bahnhofsvorplatz stehen und schien auf jemanden zu warten. Es dauerte nicht lange, da kam die Frau, die Marie auf der Polizei getroffen hatte und sprach ihn an. Also war es doch die richtige Fährte! Die beiden schienen einander nicht zu mögen, die Körpersprache war deutlich. Aber der Mann gab der Frau den Umschlag, dann ging er in den Bahnhof hinein. Marie war unsicher, wem sie folgen sollte. Sie beschloss, an dem Mann dran zu bleiben und fand ihn auf einem Bahnsteig. Er saß auf der Bank, zusammengesunken.

aus „Fee der goldenen Lüfte“

Sigmalda landete auf einem Blatt des Tingerbaumes. Es bog sich sacht unter ihrem Gewicht. Sie schaute sich um, er war ihr nicht gefolgt. Sie entspannte sich, das erste Mal seit ihrer Flucht aus dem Palast. Ihr Herz schlug schnell, sie musste warten bis es ruhiger wurde. So konnte sie Edgar nicht gegenübertreten. Sie horchte auf die leisen Töne der Nacht, auf die Tropfen, die von den Blättern zu  Boden fielen, auf das Surren des Traumgenerators des Palastes. Mit Schaudern dachte sie an die Schrecken der Träume, die er hervorgebracht hatte. Sigmalda zwang sich, an etwas Friedvolles zu denken: an die langen Abenden in ihrer Heimat, an das leise Plätschern des Baches in den Bergen, an den Klang der Flügelschläge junger Feen. Sie saß auf dem Blatt und beruhigte sich. Nun konnte sie nachdenken: was würde Edgar zu ihrem Erlebnis sagen? Was davon war klug, ihm zu erzählen? Sollte sie die Begebenheit in der Silberröhre erwähnen? Würde ihn das nicht noch mehr verunsichern? Und ihn falsche Schlüsse ziehen lassen? Der Palast von Thornien war ohne Zweifel eine Bedrohung für das Feenreich, aber der schlimmste Feind war er sicher nicht. Die Gefahr drohte von Samaland, aber das würde Edgar nicht glauben. Von dort ging die Verführung aus, diese zarten, leicht rosa gefärbten Gedankenfäden, die durch alle Barrieren ins Feenreich drangen und sich um die Herzen legte. die diesen unstillbaren Durst nach Zuwendung weckte, für die man bereit war, alles zu tun. Der Palast von Thornien versorgte die Feen mit dem Traumgenerator nur mit dem, wonach sie durch diese Fäden bettelten. Dass sie dabei ihre Seele verloren merkten sie kaum.

Sigmalda öffnete den Weltenring und schlüpfte durch ihn ins Feenreich. Sie hatte ihren Entschluss gefasst: sie würde erst zu ihrer Schwester gehen und mit ihr gemeinsam planen, wie sie Edgar davon überzeugen konnten, sich mit den Silbervögeln zu verbünden. Sie traf Sigulda zuhause an, sie war gerade dabei, Luftbrote zu backen. „Gut, dass du zurück bist, Sigmalda. Ich habe mir Sorgen gemacht. Mehr als zwei, drei Zeiten bleibst du selten weg.“ „Ich war in Thornien. die Wächter haben mich gefangen und eingesperrt.“ Sigmund ließ den Teig fallen: „Was ist passiert?“ Sigmalda erzählte alles, auch die Stunden, die sie in der Silberröhre verbracht hatte. Sigulda nahm sie in den Arm: „Wie schrecklich! Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es sein muss, so lange in einem Gedankenvakuum zu stecken!“

Probier´s mal mit einer Ballade!

Warum eigentlich nicht? Es muss nicht schwülstig sein, ala Schiller oder so. Es geht darum, eine aufregende Begebenheit zu erzählen, es kann sich reimen, oder auch nicht, wie du willst. Gut ist, wenn es einen Refrain gibt.

Franz Zieche lebte in einem kleinen Ort

sein ganzes Leben schon wohnte er dort.

Die Schweinefabrik, vom Vater vermacht,

hat ihn zu Fülle und Wohlstand gebracht.

Doch er kann das alles nicht wirklich sehn:

nach Alaska gehn, nach Alaska gehn!

Wie schön muss es sein in dem fernen Land,

mit Bergen und Wäldern und Seen mit Strand,

ewige Weite mit endlosen Wegen,

er möchte weg, doch die Frau ist dagegen.

In seinen Träumen ist´s wunderschön:

nach Alaska gehn, nach Alaska gehn!

Dann kam die Diagnose und das drohende Sterben,

fast wollte ihm das den steten Hunger verderben.

Doch er fasst sich den Mut, verlässt Frau und Hof,

packt seine Sachen, zurück bleibt das Dorf.

Wir sehen ihn froh am Flughafen stehn:

nach Alaska gehn, nach Alaska gehn!